Plattform Walldorf

Wohnungsnot und steigende Mieten betreffen immer mehr Menschen

Sozialen Beratungsstellen brennt das Thema auf den Nägeln - "Wohnen ist einfach existenziell"

Wir leben in einer in vielerlei Hinsicht bevorzugten und wohlhabenden Region. Aber die Medaille hat auch eine Kehrseite: Armut. Das spüren vor allem die unterschiedlichen Beratungsstellen in unserer Region. Ein Thema brennt dabei besonders auf den Nägeln: Wohnungsnot und hohe Mieten.

Die Beobachtungen sind überall gleich. Der Wohnungsmarkt wird "immer enger", die Mieten ziehen an, die Konkurrenz um vorhandene Mietwohnungen nimmt zu. 50 Bewerber für eine Wohnung seien keine Seltenheit, heißt es.

Auf der Strecke bleiben dabei oft jene Menschen, die sich am unteren Ende der Einkommensskala befinden. Sie suchen dann die Beratungsstellen auf und bitten um Hilfe: Zum Beispiel das Diakonische Werk Rhein-Neckar, das ganz unterschiedliche Beratungsangebote macht, etwa die Schuldnerberatung.

Nach den Erfahrungen von Ursula Igel, die der Geschäftsführung des Diakonischen Werks im Rhein-Neckar-Kreis angehört und für den Kirchenbezirk Südliche Kurpfalz zuständig ist, haben diese Menschen "keine Chance auf dem freien Wohnungsmarkt". Das gilt sogar für die sozialen Einrichtungen, die ihnen Wohnungen vermitteln wollen. "Wir schalten als Diakonie selbst Wohnungsanzeigen. Auf die letzte gab es null Reaktion", erzählt die Leiterin der hiesigen Diakonie-Beratungsstellen.

Von der Wohnungsnot betroffen sind ihrer Erfahrung nach vor allem alleinerziehende Frauen mit Kindern, Menschen mit Migrationshintergrund, kinderreiche Familien und zunehmend auch Alleinstehende - gerade weil kleine Wohnungen besonders rar sind.

Doch auch ältere Menschen bekommen immer öfter Probleme, ihre Wohnung zu halten oder ihre Miete zu bezahlen - nämlich dann, wenn ein Ehepartner stirbt. Gemeinsam konnten sie sich ihre Wohnung noch leisten, fällt aber wegen des Todes eine Rente weg, beginnen der Erfahrung der Berater zufolge die Probleme - trotz vorhandener Schonfristen. Müssen etwa Leistungen beim Jobcenter beantragt werden, greift die Angemessenheitsregel.

Darin wird festgelegt, wie groß und teuer eine Wohnung sein darf. Wird die Grenze überschritten, legt die Behörde einen Umzug nahe. Bleibt der Mieter trotzdem in seiner Wohnung, muss er die Differenz aus eigener Tasche zahlen. Und die Mieten steigen in der Regel stärker, als die Jobcenter ihre Mietobergrenzen anpassen.

Gerade für Menschen, die Transferleistungen beziehen (also Hartz IV oder eine Grundsicherung im Alter), ein kaum zu lösendes Problem. Denn sie müssen das zusätzliche Geld für die Miete von ihrer Regelleistung "abzwacken", was wiederum für den täglichen Lebensunterhalt fehlt.

"Diese Menschen leben dann grundsätzlich unter dem Existenzminimum", sagt Ursula Igel. Ein "Grundproblem" sieht sie darin, dass Hartz-IV-Bezieher keine Rücklagen bilden können. Eine Stromnachzahlung kann so schon "zur Katastrophe" werden. Es drohen Mietschulden und die Räumungsklage.

Der Beginn einer Spirale nach unten. "Denn ist erst einmal die Wohnung weg, bricht alles weg", weiß Kerstin Schmid, beim Caritasverband in Schwetzingen für den Fachbereich Wohnungslosenhilfe zuständig. Bei ihr sind aktuell 40 Menschen ohne eigenen Wohnraum gemeldet. Sie leben im Wohnwagen oder Zelt, kommen bei Bekannten unter und sind auf "Couch-Hopping" angewiesen.

Vor 13 Jahren hat Kerstin Schmid ihre Beratungstätigkeit für die Caritas begonnen, damals bestand das Klientel noch ganz überwiegend aus dem typischen Obdachlosen, der mit Hund und Rucksack unterwegs war. "Das hat sich komplett gewandelt", sagt Kerstin Schmid. "Heute geht das quer durch die Schichten." Viele junge Menschen seien betroffen und auch solche "mit ganz normalem Einkommen", etwa wenn es zur Trennung komme oder Unterhalt gezahlt werden müsse.

Eine Beobachtung, die auch Helene Wöllstein-Moser und Orhan Polat machen. Beide arbeiten in der Walldorfer "Plattform", einer niederschwelligen Begegnungsstätte mit Fachberatung für Menschen, die wohnungslos oder in einer vorübergehenden Notlage sind. Die Einrichtung ist eine Kooperation der evangelischen Stadtmission Heidelberg mit den beiden Städten Walldorf und Wiesloch und besteht seit 20 Jahren.

2014 auf 2015 erfuhr ihre Klientenzahl eine dramatische Steigerung von 191 auf 262 Personen und hält sich seitdem auf etwa diesem Niveau. 2018 haben 269 Personen die Beratung in Anspruch genommen, meist alleinstehende Menschen (70 Prozent von ihnen sind Männer). Nicht alle brauchen kontinuierlich Hilfe und nicht alle sind ohne Wohnung, aber doch bei knapp der Hälfte der Klienten ist Letzteres der Fall.

Helene Wöllstein-Moser und Orhan Polat wissen von dramatischen Szenen und verzweifelten Menschen. Da ist die dreiköpfige Familie (Mann, Frau und Kind), die in einem 20-Quadratmeter-Zimmer lebt, um die Einweisung in die Notunterkunft zu vermeiden. Oder der Vater mit einem 20-jährigen Sohn, die aus demselben Grund lange im Auto übernachteten, bis sie dann doch in die Notunterkunft zogen.

"Es ist durchaus dramatisch, wenn eine alleinerziehende Frau in die Obdachlosenunterkunft ziehen muss", sagt Helene Wöllstein-Moser. Die "Plattform" arbeitet deshalb präventiv, damit es nicht soweit kommen muss.

Der Eindruck der Berater ist jedoch: Der Kreis der Betroffenen wird größer. "Leute, die vor ein paar Jahren noch keine Probleme gehabt hätten, eine neue Wohnung zu finden, landen heute in der Notunterkunft."

Der Grund: Es fehlt einfach an bezahlbaren Wohnungen. Dies steht nur scheinbar im Widerspruch zu der Erfahrung von Ursula Igel (Diakonisches Werk) aus zahlreichen Hintergrundgesprächen in politischen Gremien: dass es nämlich im Rhein-Neckar-Kreis durchaus viele Leerstände bei Wohnungen gibt (etwa bei der klassischen Einliegerwohnung im Einfamilienhaus).

Aber diese Wohnungen gelangen eben nicht auf den Markt. Und vor allem Sozialwohnungen sind Mangelware. "Der soziale Wohnraum ist in den letzten Jahren komplett in die Knie gegangen", stellt Kerstin Schmid von der Caritas fest.

Die Berater der "Plattform" in Walldorf sehen es ähnlich, auch wenn sie den Eindruck haben, dass gerade in Walldorf viel für den sozialen Wohnungsbau getan wird (dort gibt es auch eine Warteliste, die die Chance auf Zuteilung einer Wohnung etwas erhöht).

Aber Sozialwohnungen gebe es immer noch viel zu wenige. Orhan Polak sieht deshalb die Politik gefordert. "Sie muss mehr leisten, damit es auf dem Wohnungsmarkt fairer wird und nicht allein die Marktwirtschaft entscheidet." Ursula Igel vom Diakonischen Werk pflichtet dem bei. "Wohnen ist einfach existenziell", sagt sie. "So existenziell, dass damit nicht spekuliert werden dürfte", lautet ihre "persönliche Meinung".

Ihr Appell geht aber nicht nur an die große Politik, sondern gerade auch an die Kommunalpolitik - etwa, bei der Stadtplanung eine "Zielgruppenplanung" zu machen, die gerade auch sozialbedürftige Menschen "im Blick hat". Wiesloch hat hier beispielsweise schon einen ersten Schritt getan und im Rahmen seines kommunalen Baulandmanagements eine "Sozialquote" von zehn Prozent festgelegt.

Quelle: Rhein- Neckar- Zeitung Online, 22.06.2019

 

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